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Beitrittserklärung

 

Zum 90. Geburtstag von Günter Simon

40 Jahre hat Günter Simon das heutige Kulturforum in Bad Nauheim geleitet, 34 Jahre lang war er als Lehrer an der Ernst-Ludwig-Schule tätig. Für die Kirche und die Stadt hat er ehrenamtlich Großes geleistet. Nun blickt er mit 90 Jahren zurück auf sein spannendes Leben.


Ohne ihn würde es mich als Autor dieser Geschichte wohl nicht geben. Denn Günter Simon hat uns allen damals in einer inspirierenden form das Bewusstsein für Sprache vermittelt. Viele ehemalige Ernst-Ludwig-Schüler in Bad Nauheim nennen ihn noch heute den „besten Lehrer der Welt“, was er natürlich für übertrieben hält. Wir treffen uns bei ihm zu Hause, natürlich vor einem großen Bücherschrank. Stolze 90 Jahre ist er nun alt, doch in unsrem Gespräch wirkt er genauso fit, reflektiert und geistreich wie damals in der Schule. Nur die Hüfte mache ihm ein paar Probleme, sagt er, lacht und nennt es eine Verarmung der Fantasie, dass ihm nichts anderes eingefallen sei, als Lehrer zu werden. Schließlich waren auch Vater und Mutter Lehrer, genau wie seine Frau Ruth Simon.

Im Bad Nauheimer Stadtbild hat man Günter Simon auch als leidenschaftlichen Fahrradfahrer gekannt. Geboren ist er 1931 in Gießen, er hat später in Frankfurt studiert und zwei Semester auch in Göttingen. Von 1960 bis 1994 war er an der ELS tätig, anfangs als ausgeliehener Referendar, dann als Oberstudienrat. Den Umzug der schule vom Alten Friedhof an den Solgraben hat er noch mitgemacht. Sein erster Direktor an der Schule sei Alfred Makatsch gewesen, der Vater von Eishockey-Nationaltorhüter Rainer Makatsch und der Opa von Filmstar Heike Makatsch, erinnert er sich. Dessen Nachfolger waren dann Namen wie Weiß, Bornemann oder Häfner. Selbst wollte er nie höher hinaus, „denn Verwaltung liegt mir nicht“. So hat er lieber Deutsch und Religion unterrichtet mit dem Ziel, seinen Erziehungsstil dem von Vater und Mutter des jeweiligen Schülers anzupassen.

Fragt man ihn nach seinen literarischen Vorbildern, nennt er bei den Älteren Goethe, Lessing und vor allem Kleist und bei den Jüngeren Döblin, Heine oder Elias Canetti. „Ich habe aber spät angefangen zu lesen. Meine große Leidenschaft war in der Jugend immer nur der Fußball“, gibt er zu.

Viele Lehrer waren die besten Freunde
Im Gegensatz zu so manch anderem ELS-Kollegen musste er nie über einen Mangel an Autorität klagen. „Das ist eine Frage des Selbstbewusstseins“, überlegt er. „Lehrer dürfen es einfach nicht zulassen, dass die Klasse stärker ist. Vertrauen ist dabei wichtig, aber auch Humor und Authentizität.“ Im Rückblick sei er immer gerne an dieser Schule gewesen, betont Günter Simon, denn die Kollegen hätten stets einen toleranten und verträglichen Umgang gepflegt. En enger Freund Simons war Hans-Günter Patzke. Aber zu seinen Kumpels zählten auch Ludwig Hardt, Hermann Reuter oder der Pfarrer Pfitzner. „Das waren alles Freunde, auf die man sich verlassen konnte.“

Am Tag Ehrenamt, nachts korrigiert
Sein Schwerpunkt im Deutschunterricht sei die Zeichensetzung gewesen – in der Hoffnung, dass Literatur vom Satzbau her einen Zugang zum Leser finde. Und dann habe es die schönsten Momente gegeben, wenn sich ein Gespräch entwickelt habe. „Ich war immer glücklich, wenn ernsthafte Diskussionen entstanden sind und ich nicht mehr nur Lehrer war“, sagt er.

Im Religionsunterricht war seine Überzeugung „Gott und Mensch gehören zusammen. Gott für sich gibt es nicht. Das Gottesbild, dass einer die Fäden oben im Himmel zieht, halte ich nicht für realistisch. Wir können uns nur auf den Gott der Liebe verlassen. Ich kann mir den Himmel nicht verdienen“, lautet sein Credo.

Bei der Frage nach den Schattenseiten seiner Lehrer-Laufbahn nennt er die Wanderfahrten. „Da hatte man einfach immer eine riesengroße Verantwortung und Angst, dass etwas passieren könnte. Als wir einmal nach Florenz gefahren sind, lag die Jugendherberge 30 Kilometer entfernt, und ein Drittel der Schüler wollte dann gar nicht mit in die Stadt. Das war schon deprimierend.“

Als Lehrer sei er beim Korrigieren ein Nachtarbeiter gewesen, berichtet Günter Simon, denn mittags hat er sich vorrangig um seine zahlreichen Ehrenämter gekümmert, mit denen er sich große Verdienste in Bad Nauheim erworben hat. Im Jahr 1950 wurde die Volkshochschule Bad Nauheim ins Leben gerufen. 1979 übernahm er für 40 Jahre die Leitung des heutigen Kulturforums. Verantwortlich war er für Sprachkurse, für Vorträge über Geschichte, Literatur, Politik oder Kunst, aber auch für viele Reisen in die damalige DDR, nach Russland oder Aserbaidschan.

 In der Adventszeit sah man Günter Simon und viele seiner Schüler mit Sammelbüchsen in der ganzen Stadt, um Spenden für „Brot für die Welt“ zu sammeln. Auch bei der Arbeitsgemeinschaft Geschichte hat er mitgewirkt, beim Montagsforum mit spannenden Vorträgen und beim Bibelarbeitskreis unter dem Motto „die Bibel ein unbekannter Bestseller“.

Auch privat ist ihm das große Glück vergönnt. Seine Tochter bescherte ihm Zwillinge als Enkel und sein Sohn arbeitet als Pfarrer im Taunus. Fragt man ihn nach den Träumen, die man als 90-jähriger noch hat, lächelt er. „Das Schönste am Alter ist, dass man weiß, wie dumm man ist. Man sollte nie aufhören, weiter zu studieren.“

 

Von Michael Humboldt